GESCHICHTE DER ULMER

  MÜNSTERBAUHÜTTE   

"Als  Steinmetz  an  so  einem  Gebäude zu arbeiten,  was Größeres gibt es nicht. Du spürst die Kraft und Stärke der Jahrhunderte und fühlst dich als Teil des Ganzen."

Zitat der Steinmetze aus der Ulmer Münsterbauhütte 2022

 

Mit der Grundsteinlegung des Ulmer Münsters durch Bürgermeister Ludwig (Lutz) Kraft wurde im Juni 1377 die Münsterbauhütte von Ulm gegründet. Von 1543 an ruhte der Bau für ca. 300 Jahre. Ab 1844 erfolgte die Wiederaufnahme der Bautätigkeit am Ulmer Münster 

Am 31. Mai 1890 wurde das Ulmer Münster unter dem Baumeister August Beyer mit dem Aufsetzen der bekrönenden Kreuzblume fertiggestellt. Nach 513 Jahren war damit der Kirchenbau vollendet. 

Seit 1377 Jahren verkörpert die Münsterbauhütte Ulm das immaterielle Erbe traditioneller Handwerkstechniken, tradiertem Wissen und Brauchtum in Zusammenhang mit dem Bau und Erhalt des Ulmer Münsters. Herausragende Baumeister des Mittelalters wie etwa Heinrich II., aus der berühmten Familie der Parler, und Matthäus Ensinger konnten für den Bau gewonnen werden und prägten sein Erscheinungsbild. Wesentlich für den Bauerhalt war aber immer die Bauhütte und die arbeitenden Steinmetze und Restauratoren. 

So stellt sich die Frage nach den Aufgaben einer Münsterbauhütte in unseren Tagen. Nach wie vor ist ihre Hauptaufgabe die Erhaltung und Restaurierung des Steinwerks. Der Erfolg liegt in solidem handwerklichem Können, verbunden mit einem hohen Maß an persönlichem Engagement. 

Neuartigen Methoden und innovativen Arbeitstechniken steht die moderne Bauhütte offen gegenüber. In enger Zusammenarbeit mit Universitäten, Hochschulen und der staatlichen Denkmalpflege finden naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus der Baustoffforschung und präventive Maßnahmen zum Erhalt der Bausubstanz ihre Anwendung. Geschlechterrollen haben sich im Zuge der Geschlechterdebatten aufgeweicht. Dies hat früh seinen Niederschlag in der Personalpolitik der Bauhütte gefunden. Seit 1996 werden Frauen im Handwerk ausgebildet und beschäftigt. 



Mit ihrer Tradition baut die Münsterbauhütte auf einen reichen Erfahrungs- und Wissensschatz auf. Unter Münsterbaumeisterin Heidi Vormann arbeiten 24 Mitarbeiter unterschiedlicher Gewerke Hand in Hand: 8 Steinmetzen, 1 Schreinermeister, 1 Schmied, 4 Steinmetz-Auszubildende, 3 Restauratoren im Steinfachhandwerk, 1 Bauhelfer und 6 Personen in der Leitung und Arbeitsvorbereitung. 


Hauptaufgabe der Bauhütte sind der Schutz und die Pflege der besonderen Architektur, sowie der Ausstattung des Münsters. Heute werden Arbeitsschritte des traditionellen Steinmetzhandwerks durch neue Technologien ergänzt. 

Ein Beispiel hierfür ist die Vermessung der einzelnen Steine der Fassadenabwicklung mit Hilfe eines Lasers. Damit wird die Grundlage für neu anzufertigende Werkstücke geschaffen. Die erfassten geometrischen Informationen werden am Computer mit den konstruierten Werkzeichnungen verglichen. 

Unersetzlich bleibt jedoch immer die Handarbeit eines erfahrenen Steinmetzes. Der versuchsweise Einsatz von automatisierten CNC-Fräsen bei der Restaurierung hat sich nicht bewährt. Während die Fräse den Naturstein ohne Rücksicht auf seine Beschaffenheit bearbeitet, kann der Steinmetz durch die praktische Erfahrung und sein Gefühl für den Stein während der Bearbeitung auf mineralische Einflüsse und poröse Stellen reagieren, und dadurch Risse im Material, Brüche und Ausschuss vermeiden. Man spricht in diesem Zusammenhang von der „Intelligenz der Hände“. Bei automatisiert bearbeiteten Werkstücken geht die Nachvollziehbarkeit verloren. Durch die erforderliche händische Nachbearbeitung bleibt nur eine „Pseudo-Handschrift“. Aufgrund der abnehmenden Fähigkeiten im traditionellen Handwerk in Verbindung mit moderner Technologie, sind die Münster- und Dombauhütten generell ausgewiesene „Kompetenzzentren Stein“. Dort wird das Wissen zur Natursteinbearbeitung erprobt, entwickelt, gespeichert und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wird. 

English description

The foundation of the stone masons’ workshop of Ulm Minster dates back to the time, when in June 1377, under the supervision of master builder Heinrich Parker II, the foundation stone for the church was laid. In 1543, after extensive maintenance works at the beginning of the century, construction works on the Minster were stopped. After 300 years, in 1844, construction works were resumed under city architect Ferdinand Thrän. Later he was appointed Master builder of Ulm Minster. In 1890, under the guidance of master builder August Beyer, the church building was completed, when the main tower in the West had been finished. At that time, Ulm Minster was the largest Protestant church in Germany with the highest church tower in the world (161.53 metres).Today, in the 21st century, the masons’ workshop is responsible for the preservation and continual restoration of the stone structure of the building.
Helga Heilbronner - Februar 2024